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Das Latschacher Fastentuch von Valentin Oman

In Kärnten haben sich Fastentücher aus vielen Jahrhunderten erhalten und sie verhüllen in den 40 Tagen der Fastenzeit, die dem Osterfest vorausgehen, den Altar so mancher katholischen Kirche. Doch nicht nur alte Fastentücher werden aufgezogen. Seit Ende des 20. Jahrhunderts erlebt diese Tradition eine wahre Renaissance. Das im Jahr 2006 von Valentin Oman gestaltete Latschacher Fastentuch ist eines der Beispiele für eine moderne Interpretation dieses alten Brauchtums. Noch bis Karsamstag kann das Fastentuch täglich von 8 bis 16 Uhr besichtigt werden.

Fastentücher verhüllen den Altar, sie blockieren die Sicht auf etwas, das den Rest des Jahres gesehen werden kann. Was ursprünglich als Bußübung verstanden wurde, weil der Blick auf das zentrale Element der Kirche - den Altar - verwehrt wurde, dient in unseren Tagen als Einladung zur Reflektion, zur Meditation. Denn indem Fastentücher den Raum und unsere Wahrnehmung des Raumes verändern, regen sie zum Überdenken von überkommenen (Seh-) Gewohnheiten an. In ihrer einfachsten Form verhängen schlichte Schleier oder Tücher den Altarraum. Wo Fastentücher jedoch künstlerisch gestaltet sind, kreisen sie thematisch um den Kreuzestod von Jesus Christus und um die Erlösung der Menschheit.

Im 2006 entstandenen Fastentuch für die 1752 errichtete Latschacher Barockkirche St. Ulrich sind die 14 Kreuzwegstationen in einem digitalen Verfahren auf ein 8x5 m großes, weißes Textil gedruckt. Sie illustrieren jenen Weg des Leidens, den Jesus von seiner Verurteilung bis zu seinem Tod durchlaufen musste und den die Gläubigen beim Beten des Kreuzwegs mitleiden: Jeder Kreuzweg beginnt mit der Geißelung und Dornenkrönung, danach muss der geschundene Jesus sein Kreuz aus Jerusalem heraus bis zu seiner Kreuzigungsstätte tragen. Er bricht mehrmals unter dieser Last zusammen, bekommt Hilfe, begegnet seiner Mutter. Schließlich wird er ans Kreuz genagelt, stirbt und wird zu Grabe gelegt - das ist die 14. und letzte Station eines jeden Kreuzwegs.

Im Latschacher Fastentuch ist die Kreuz-Form entgegen der Tradition kein römisches Kreuz, sondern ein griechisches Kreuz, der Buchstabe Tau. Die Kreuze sind wie in einem Raster identisch angelegt. Bei genauer Betrachtung entdeckt man, dass die Kreuzbalken aus Zeitungsartikeln bestehen, die zum Teil mit schwarzer Farbwalze - wie mit schwarzer Druckerwalze - überarbeitet wurden, sie entsprechen also Zeitungs-Balken. Über diese Balken skizziert Valentin Oman alles Figürliche, wobei es ihm nicht auf die exakte Darstellung der Menschen und anderer Bildsymbole ankommt. Vielmehr wird mit einer auf wenige Farben beschränkten Farbskala (weiß, grau, schwarz, rot) und expressivem Pinselstrich das Leid, das Martyrium ausgedrückt, das Jesus Christus auf seinem Kreuzweg zu erdulden hatte. Nur die letzte Station, die Grablegung, ruht in tiefem Blau. Die Trauer schwingt hier in endlose, himmelsgleiche Harmonie um.

Es ist eine versöhnende Geste, dass der international renommierte Künstler Valentin Oman (*1935) für die Gestaltung des Fastentuches gewonnen werden konnte. Er wohnt nicht nur in einer Nachbargemeinde von Latschach, er gehört auch jener slowenischen Minderheit im Rosental an, die zu Zeiten des Nationalsozialismus ethnischen Deportationen ausgesetzt war und noch bis vor wenigen Jahren um ihre Minderheitenrechte kämpfen musste.

Dennoch entstand Valentin Omans Kreuzweg unter den unmittelbaren Eindrücken der ausbrechenden Jugoslawien-Kriege im Jahr 1991. Oman hielt sich damals in Piran auf, einem kleinen, heute slowenischen Adriastädtchen. Aus nächster Nähe erlebte er, welches Leid und Elend die gewaltsamen Austragungen von ethnischen Spannungen unter die Menschen brachte. Oman verarbeitete diese Erfahrungen im sogenannten 'Kreuzweg von Piran', einer Folge von 14 Holztafeln, jede 220x150 cm groß, die er als Collagen mit Zeitungsausschnitten und Acrylfarbe gestaltete. Dieser 'Kreuzweg von Piran' hängt heute in der Kirche von Tanzenberg/Plešivec. Für das Latschacher Fastentuch wurden die einzelnen Holztafeln fotografiert, digital bearbeitet und auf Textil gedruckt.

 

Praktisches:

Katholisches Pfarramt Latschach/Lo?e
Rosentalerstraße 36
9582 Latschach/Lo?e
Tel.: 04254/2732

ststefan-finkenstein@kath-pfarre-kaernten.at

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