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Millstätter Fastentuch

Dr. Birgit Stegbauer

Während der Fastenzeit vor Ostern verhüllt das Millstätter Fastentuch den Hochaltar der Stiftskirche Millstatt. Das Tuch aus dem Jahr 1593 ist ein Werk des Malers Oswald Kreusel. Auf ca. 50 m/2 eröffnet es dem Betrachter eine christliche Heilsgeschichte von der Schöpfung der Welt bis zum Jüngsten Gericht. Nicht nur ist das Millstätter Fastentuch eines der wirklich großen und besterhaltenen Tücher in Kärnten. Die ehemalige Benediktiner-Abtei war eine der bedeutendsten Kloster-Anlagen in Kärnten und die idyllische Lage am Millstatter See macht einen Ausflug nach Millstatt so empfehlenswert.

Fastentücher sind in Kärnten schon seit mehreren Jahrhunderten in liturgischem Gebrauch. Sie hängen vor dem Hochaltar und verhindern den Blick auf das Allerheiligste. Dies war ein fester Bestandteil der mittelalterlichen Bußepraxis. Da die Fastenzeit auf das Osterfest vorbereitet, steht die Passionsgeschichte im Zentrum aller alten Fastentücher. Das 8,4 x 5,7 m große Millstätter Tuch fügt sich ganz ein in diese Bildtradition. Es ist in 41 Bilder unterteilt, die zu sieben Reihen mit je sechs Bildern (darunter ein Doppelfeld in der 7. Reihe) angeordnet sind.

Die erste Reihe von oben illustriert die Schöpfungsgeschichte, den Sündenfall und die Todsünde, mit der die Menschen von Anbeginn an behaftet sind. Die zweite Reihe von oben widmet sich herausragenden Gestalten aus dem Alten Testament, so etwa Abraham, Moses oder David. Mit der Kindheitsgeschichte Jesus in der dritten Reihe beginnen die Szenen aus dem Neuen Testament. Die vierte Reihe schildert das öffentliche Wirken von Jesus. Der wichtigste Teil der Bilderbibel, die Passionsgeschichte, wird über folgenden zwei Reihen geschildert. In der siebenten und zugleich letzten Reihe schließlich steigt Jesus in das Reich der Toten und überwindet den Tod triumphal in der Auferstehung. Das Fastentuch endet mit dem Jüngsten Gericht, das zwei Bildfelder einnimmt.

Das 1593 mit Wasserfarben auf Leinwand gemalte Werk besticht durch seine warmen, kräftigen Farben. Die schwarzen Vorzeichnungen stammen aus der Hand eines unbekannten Monogrammisten H K. Die farbigen Partien hingegen führte Oswald Kreusel (Kreuselius) aus, ein Maler aus St. Veit an der Glan. Die einzelnen Szenen des Millstätter Fastentuches orientieren sich an Holzschnitten, die von bekannten Arbeiten der berühmtesten deutschsprachigen Renaissance-Künstler, wie etwa Albrecht Dürer, Lucas Cranach oder Virgil Solis, in Umlauf waren. Mitglieder des St. Georgs-Ritterordens, die damals die Hausherren der ehemaligen Benediktinerabtei Millstatt waren, haben das Fastentuch in Auftrag gegeben.

Das ehemalige Benediktinerstift Millstatt, gegründet in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts, war im 12./13. Jahrhundert ein reiches Kloster, zu dem viele Ländereien gehörten. Allerdings verfiel das Kloster später zusehends und wurde 1456 aufgehoben. Angesichts der drohenden Türkengefahr übertrug Kaiser Friedrich III. Millstatt an den St. Georgs-Ritterorden. Ab 1602 kämpften die Jesuiten von Millstatt aus um die Re-Katholisierung von Kärnten. 1773 wurde das Jesuitenkloster aufgelöst, seitdem ist die ehemalige Stiftskirche eine Pfarrkirche, die Stiftstrakte gingen in Staats- und Privatbesitz über.

Jeder der Hausherren trug seinen Anteil zum heutigen Erscheinungsbild der ehemaligen Stiftskirche bei: Die Benediktiner bauten die Kirche im romanischen Stil, der St. Georgsritterorden ließ die Kirche einwölben mit spätgotischen Stern- und Netzrippengewölben, die Jesuiten statteten die Kirche mit barocken Altären aus und im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Kirche umfangreichen denkmalpflegerischen Maßnahmen unterzogen. Bis Karsamstag (7. April 2012) kann man das Fastentuch täglich in der Millstätter Stiftskirche besichtigen.

Praktisches:

Kath. Pfarre Millstatt
Stiftsgasse 3
9872 Millstatt

Bitte warm anziehen, die Kirche ist unbeheizt!

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