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Der Dom zu Gurk

Der Artemis-Cicerone-Kunstführer findet nur Superlative für den Dom zu Gurk: Er sei ein Gesamtkunstwerk, das die erlesensten Werke der verschiedensten Stilepochen umfasse und zu den führenden Kunststätten Österreichs von europäischem Rang zähle. Alles begann 1043 mit der großzügigen Stiftung eines Nonnenklosters samt zugehöriger Marienkirche mitten im malerischen Gurktal durch Gräfin Hemma von Friesach-Zeltschach - der Hl. Hemma - beziehungsweise 1072, als der Salzburger Erzbischof Gerhard dieses von Hemma gegründete Kloster auflöste  und mit dessen ehemaligen Besitz das vom ihm gegründeten Bistum Gurk ausstattete.

Der Weg zu einem unabhängigen Bistum Gurk war steinig, denn die Bischöfe von Gurk hingen als Eigenbischöfe zunächst komplett am Gängelband der Salzburger Erzbischöfe, die in diesem abgeschiedenen Flecken Erde nur seelsorgerische Stellvertreter ohne eigene Diözese und ohne eigenes Domkapitel einzusetzen gedachten. Erst 1131 setzten die Gurker mit Unterstützung der Babenberger (das Adelshaus, aus dem später die Habsburger hervorgingen) und des Kaisers eine gewisse Autonomie vom Erzbistum Salzburg durch, welche die Salzburger noch Jahrhunderte später (kriegerisch) anfochten.

Wen wundert es daher, dass der Dom zu Gurk mit Mitteln der Kunst einen Anspruch auf einen ebenbürtigen Rang des Bistums Gurk und seines Bischofs demonstriert? Der Baubeginn der hochromanischen, dreischiffigen Basilika fällt in etwa zusammen mit der Autonomie vom Erzbistum Salzburg, nämlich in das Jahr 1140. Der älteste Teil der Kirche, die 100-säulige Krypta, die das Grab der Hl. Hemma birgt, wurde 1174 fertiggestellt. Schon um 1200 waren die Außenarbeiten am Dom abgeschlossen und die Kirche der Gottesmutter Maria geweiht.

Der Eingang zum Dom liegt im Westen, zwischen den beiden Turmaufgängen, die eine äußere Vorhalle umschließen. Ein hochromanisches Stufensäulenportal bildet das prächige Entrée in das Gotteshaus, Fresken des 14. Jahrhunderts bebildern Szenen aus dem AT und dem NT. An den Türflügeln haben sich romanische Holzreliefs mit Rankenornamenten erhalten. Über der Vorhalle befindet sich die Bischofskapelle, die nach 1264 mit Fresken im sog. Zackenstil, einem Übergangsstil zwischen Romanik und Gotik, prächtig ausgeschmückt wurde (kann nur im Rahmen einer großen Domführung besichtigt werden).

Im Inneren der Pfeilerbasilika führt der Blick zuerst auf den Kreuzaltar von Georg Raphael Donner, welcher 1740 massiv aus Kärntner Blei gegossen wurde. Er zeigt Maria, die gestützt von einem Engel ihren toten Sohn Jesus beweint, während zwei kleinere Engel die Wundmale Jesus küssen. Die Figurengruppe ist weich und fließend angeordnet, sie nimmt das Motiv der Rocaille auf und ist dennoch eine schlichte Dreieckskomposition, wie sie für den Klassizismus so typisch werden sollte, als deren Wegbereiter Donner früh erkannt wurde. Ebenfalls in das Jahr 1740 datiert die Kanzel mit dem Sieg des Glaubens über der Häresie, verkörpert durch einen fallenden Lutheraner; sie wurde von den Theaterarchitekten Giuseppe und Antonio Galli-Bibiena entworfen und von lokalen Meistern ausgeführt, ergänzt um Bleireliefs von Georg Raphael Donner.

Die höher gelegenen Oberkirche - die den Klerikern vorbehalten war - dominiert ein vielfigüriger Marienaltar von Michael Hönel, entstanden zwischen 1625 und 1632 und vergoldet 1654 durch Johann Seitlinger: In ihrem Zentrum scharen sich die Jünger um das leere Totenbett der Maria, die von vielen Engelsköpfen umgeben in den Himmel auffährt, wo sie von der Hl. Dreifaltigkeit und der Hl. Kunigunde und der Hl. Hemma - zwei Bistumsstifterinnen - empfangen wird.

Flankiert wird dieses Geschehen von den vier überlebensgroßen Figuren der Evangelisten, die zusammen mit den vier Kirchenvätern gleichsam das Fundament der Kirche bilden. Hinter diesen stehen in Nischen der Hl. Kaiser Heinrich II., Gründer des Bistums Bamberg und Gatte der Hl. Kunigunde, sowie Graf Wilhelm II. von Friesach-Zeltschach, Gatte der Hl. Hemma, darüber weitere Heilige und schließlich im Gesprenge die Erzengel, die den Teufel aus dem Himmel vertreiben.

Die beiden Seitenältare - zur Linken den Stephanus-Altar und zur Rechten den Petrus-Altar - schuf Michael Hönel 1637 und 1638. Solche mehrgeschossige, vielfigurige Altar-Retabel waren in den katholischen Gegenden Deutschlands im frühen 17. Jahrhundert in Mode gekommen; Hönel hatte sie während seiner Ausbildung zum Bildhauer bei Michael Schwenke in Sachsen kennengelernt. Der Marienaltar ist die erste Umsetzung dieser frühbarocken Kunstgattung in Kärnten und ein wahres Meisterstück, mit dem sich Michael Hönel vieler weiterer Aufträge im Kärntner Land versichern konnte.

Beachtenswert ist auch vor dem Altar-Retabel der alte, romanische Altar mit dem Cosmaten-Mosaik: Die Kosmaten waren eine Familie von Marmordekorateuren, die im 12.-14. Jahrhundert tätig waren und das Mosaik in Gurk ist eine ihrer wenigen Arbeiten außerhalb Italiens.

Diese Beschreibung der Kunstschätze des Gurkes Domes ist unvollständig und liesse sich noch lange fortsetzen. Abschließend sei vielmehr darauf hingewiesen, dass die Bischöfe von Gurk, die jahrhundertelang unweit von Gurk, in Straßburg, residierten, 1787 nach Klagenfurt übersiedelten. Seither ist der Klagenfurter Dom die Hauptkathedrale der Diözese Gurk, mit Gurk als Konkathedrale.

Praktisches:

Stift Gurk
Domplatz 11
9342 Gurk
Tel.: 04266 - 8236-0 (Domladen, Führungen)
dom.info@dom-zu-gurk.at

Infos zu Führungen:
www.kath-kirche-kaernten.at/dioezese/orgdetail/C2509/domfuehrungen_2011