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Thomas von Villach's Fresken für St. Andrä in Thörl-Maglern

Dr. Birgit Stegbauer

Eines der herausragendsten Beispiele der spätgotischen Freskenmalerei in Kärnten sind Thomas von Villach's Fresken für St. Andrä in Thörl-Maglern. Thörl-Maglern liegt im Dreiländereck, von Arnoldstein aus auf der Bundesstraße nach Tarvis fahrend ist es der letzte Ort vor der Grenze zu Italien. Gleichzeitig ist Thörl-Maglern ein Tor - oder Thörl - ins Gailtal, das hier mit dem Kanaltal zusammentrifft.

St. Andrä steht etwas abseits des eigentlichen Ortskerns auf der freien Wiese, es ist nur ein kleines Kirchlein. Durch eine moderne, gläserne Vorhalle betritt man das alte Kirchengebäude. Vom dunklen, niedrigen Turmbereich der Kirche aus blickt man in das lichte, hohe Langhaus und den Chor. Man sieht die zwei Seitenaltäre und den Hochaltar aus dem 17. Jahrhundert und die qualitätvolle Rosenkranzmadonna von Hans Finkhl, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert. Die berühmten Fresken aber sucht man zunächst vergebens!

Betritt man jedoch den Altarraum der Kirche wird man schier überwältigt von den Fresken, der Pracht ihrer Farben und der Vielzahl der Darstellungen. Ein Jüngstes Gericht schmückt den gesamten rückwärtigen Teil des Triumphbogens und alle Gewölbeflächen des Chores sind farbig gestaltet, unter anderem sind die vier Evangelisten und musizierende Engel dargestellt. Das in die Nordwand eingemauerte Sakramentshäuschen wird in einer gemalten Scheinarchitektur fortgesetzt.

Das eigentliche Herzstück der Fresken von St. Andrä aber ist die Passionsgeschichte mit einer außergewöhnlich symbolträchtigen Kreuzigungsszene, die man als Lebendes Kreuz bezeichnet, da aus den Kreuzbalken Hände wachsen:

Die Hand am unteren Kreuzesstamm bricht die Hölle auf, während die obere Hand den Himmel aufschließt. Am rechten Ende des Kreuzes wird die Personifikation des Alten Testaments - eine junge, blinde Frau, die von einem Schwert durchstoßen wird und auf einem geschundenen Esel reitet - entthront. Auf der linken Seite, der Herzseite von Jesus, hingegen wird die Personifikation des Neuen Testaments - auf den Evangelistensymbolen reitend und mit einem Kirchenmodell in den Händen - gekrönt.

Es wurde dieser Bildtypus zwar nicht besonders häufig dargestellt, er läßt sich aber vom 15. bis 17. Jahrhundert mit exakt derselben Symbolik südlich wie nördlich der Alpen nachweisen (italienisch: croce vivante, französich: croix vivante). Anders als im gängigen Bildtypus überhöht diesen in Thörl-Maglern eine Darstellung des Himmels mit den sieben flammengleichen Engels-Chören und Gottvater. Dergestalt spiegelt sich die hierarchische Gliederung der mittelalterlichen Welt bis in die Vorstellung der Himmels wider.

Bei der Freilegung der Fresken, die bis in die 1940er Jahre übermalt waren, hat man eine Stifterinschrift mit dem Namen 'Thomas' gefunden. Seither werden die Fresken mit dem Maler Thomas von Villach in Verbindung gebracht. Dieser unterhielt in Villach in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts eine Werkstatt, die vor allem für ihre Kirchenausstattungen - Fresken, Tafelbilder, Altäre - in ganz Kärnten gefragt war und heute als 'Villacher Schule' bekannt ist. Ausgeführt wurden die Fresken vermutlich um 1482 bis 1489.

Praktisches:

Kath. Pfarrkirche St. Andrä
Maglern 2
9602 Thörl-Maglern

In Thörl-Maglern auf der Bundesstraße in Richtung Italien der Beschilderung "St. Andrä" folgen und nach links abbiegen. Die Kirche ist dann schon zu sehen.

Am 5. Oktober 2012 plant der CIC eine Wanderung nach Thörl-Maglern und in die Slizza-Schlucht. Bei Interesse daran senden Sie uns bitte ein e-mail an: office@cic-network.at