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Trieste (IT)/Triest: Sein Ghetto und sein jüdisches Erbe

Das Ghetto ist so etwas wie das Notting Hill von Triest: Das kleine, dicht bebaute Areal zwischen der Piazza Borsa, der Piazza Unità und dem römisch-antiken Theater mit seinen unzähligen Antiquitätengeschäften, Antiquariaten, Second-Hand-Läden und hippen Kneipen ist längst kein Geheimtipp mehr und einer meiner Lieblingsplätze in der Adriastadt.

Es war eigentlich ein Zufall, der mich bei meinen Streifzügen durch Triest erstmals ins ehemalige Ghetto führte. Da war diese unscheinbare Pforte, die mich von der belebten Piazza Borsa, mitten im Zentrum von Trieste, weglockte; kaum war ich aus der dunklen Passage getreten, kam ich mir vor wie Alice im Wunderland: Das hier war eine andere Welt, dunkel und eng und jedes Haus barg andere Relikte aus der Vergangenheit: Da gab es Buch-Antiquariate, Antiquitätengeschäfte, Werkstätten, in denen Möbel restauriert wurden und Gebrauchtwaren-Läden. Ein wahres Stöberparadies. Zum Glück hatte ich damals noch kein Plastikgeld, ich wäre wahrscheinlich bis zum Kreditkarten-Limit verschuldet aus meinem Auslands-Semester zurückgekehrt. Das war 1989/1990. Seither hat Triest sich gewandelt und dieser Wandel macht auch vor dem Ghetto nicht halt. Hippe Cafés und Bars ersetzen nach und nach die Trödelläden, mit ihnen kommen Farbe, Licht und Musik in das Ghetto. Historisch-Verstaubtes kontrastiert nun mit Ultramodernem, was ich derzeit als Bereicherung erlebe. Ein Muss für jeden Triest-Besuch!

Die Lage des jüdischen Ghettos mitten im kommerziellen, finanziellen Herz von Triest erklärte sich aus der wirtschaftlichen Bedeutung der jüdischen Gemeinde für die Stadt. Dennoch: Zwischen 1698 und 1784 waren die jüdischen Einwohner Triests auf ein kleines Areal im Riborgo verwiesen, das von hohen Mauern umgeben war und dessen drei von Christen bewachte Tore bei Anbruch der Dunkelheit geschlossen wurden. Im 18. Jahrhundert dürften hier um die 100 jüdische Personen gelebt haben, es wurde eine erste Talmudschule eingerichtet. Auch nach der Öffnung des Ghettos 1784 blieben viele der jüdischen Familien Triests im Ghetto wohnen und es etablierten sich zwei weitere Talmudschulen. Um 1900 war die jüdische Gemeinde von Triest auf circa 5000 Mitglieder angewachsen, 1912 wurde die große Synagoge in der via San Francesco - eine der größten in ganz Europa - feierlich eröffnet.

Die religiöse Toleranz war beendet, als 1938 die Rassengesetze des faschistischen Mussolini-Regimes verkündet wurden, und zwar ausgerechnet in Triest, vom Duce persönlich, auf der Piazza Unità, nur wenige Schritte vom ehemaligen Ghetto enfernt. Ihren Todesstoß erhielt die jüdische Gemeinde Triests während der Zeit der deutschen Besatzung, ab dem Herbst 1943. In Triest wurde Italiens einziges KZ eingerichtet, die Risiera di San Sabba, die für die Triestiner Juden eine Durchgangsstation auf dem Weg zur Endlösung war; die Shoa überlebten nur 400-500 jüdische Einwohner Triests. Die wiedereröffnete Große Synagoge von Triest hat heute etwa 600 eingetragene Mitglieder.

 

Praktisches:

Zum Ghetto und seiner Geschichte:

www.triestebraica.it/ghetto (Ital. und Engl.)

Die Große Synagoge kann auf Voranmeldung Sonntags und Donnerstags besichtigt werden. Besichtigungsdauer: Etwa 45 Minuten. Information:

Key Tre Viaggi, Tel. +39 040 6726736, Email: visitesinagoga@triestebraica.it

Das KZ Risiera di San Sabba kann täglich von 9-19 Uhr bei freiem Eintritt besichtigt werden:

www.retecivica.trieste.it/triestecultura/new/musei/risiera_san_sabba/default.asp