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4. Mythen und Fakten über Zweisprachigkeit (Teil 1)

Willkommen zum vierten Termin der Multilingualism matters!

In diesem und in dem folgenden Artikel, werden wir über einige Irrglauben bezüglich der Zweisprachigkeit (und Mehrsprachigkeit) diskutieren. In den vergangenen Jahren haben Linguisten wissenschaftlich getestet, was wir generell vom Sprachenlernen halten. Wie wir sehen werden, beruhen einige unserer Gedanken über Zweisprachigkeit auf Mythen. Diese Mythen können manchmal schädlich sein, weil sie uns auf den falschen Weg führen, und uns daran hindern, die richtigen Entscheidungen für unsere Familien zu treffen. In einigen Ländern wird die Zweisprachigkeit immer noch als Abweichung der Norm betrachtet. Zudem kommen die meisten Vorurteile daher, dass man versucht, der bilingualen Entwicklung die einsprachige Vision als Basis „überzustülpen“. Heute werden wir fünf Mythen diskutieren.

 

Mythos 1: Zwei Sprachen lernen ist schwieriger als eine Sprache lernen.

Fakt: Die Forschung über die kognitiven Aspekte der Zweisprachigkeit zeigt, dass Kinder es beherrschen, zwei (oder mehr) Sprachen ohne besondere kognitive Schwierigkeiten gleichzeitig zu lernen. Das menschliche Gehirn ist wunderbar dafür geeignet, sich von Geburt an mit zwei oder mehr Sprachen zu beschäftigen. Wenn Kinder genug von beiden Sprachen hören, und wenn sie mit Erwachsenen und Altersgenossen kommunizieren, werden sie diese Sprachen lernen.

Viele Eltern sind besorgt, wenn ihre Kinder mehrere Sprachen gleichzeitig lernen. Diese Sorgen ergeben sich wahrscheinlich daraus, wie wir als Erwachsene Fremdsprachen lernen. Jeder, der sich mit der Sprachentwicklung bei Kindern auseinandersetzt, ist erstaunt, wie schnell der Spracherwerb erfolgt. Dies steht allerdings im großen Gegensatz zur Erfahrung von Erwachsenen, , für die das Lernen einer neuen Sprache manchmal ein schmerzhaft langsamer Prozess sein kann, oft mit dem Ergebnis, die Sprache nicht fließend zu sprechen. Bitte werfen Sie einen Blick auf den zweiten Artikel dieser Rubrik: ‚Kinder sind kleine Genies‘, um mehr zu erfahren.

 

Mythos 2: Zweisprachige Kinder beginnen später zu sprechen als einsprachige.

Fakt: Manche Kinder fangen später an zu sprechen. Dies gilt für Kinder, die mit ein, zwei oder mehr Sprachen aufwachsen. In der Regel sollten Kinder, die zwei Sprachen lernen, ungefähr zur gleichen Zeit anfangen zu sprechen, wie diejenigen, die nur eine Sprache lernen. Allerdings kann es vorkommen, dass einige Kinder später beginnen. Es gibt keinen Grund zur Sorge. Sollte es so sein, bedeutet das in der Regel, dass das Kind unbewusst versucht, Regeln darüber aufzustellen, wie die Sprachen funktionieren.

Es gibt keinen Beweis dafür, dass dies eine langfristige Auswirkung auf die Sprache des Kindes haben kann. Dennoch ist es wichtig zu beobachten, ob es Probleme mit der Sprachentwicklung bei einem Kind gibt, egal ob es mit einer Sprache, zwei Sprachen oder mehreren aufwächst. Wenn Sie über die Sprachentwicklung des Kindes Sorgen haben, kann es ratsam sein, sich an eine/n Logopäde/in zu wenden, aber fragen Sie, ob diese/r Erfahrung mit zwei- und mehrsprachigen Kindern hat. Es kann nämlich auch manchmal für Experten schwierig sein, zwischen einer normalen Verzögerung und einem Sprachproblem zu unterscheiden. Deswegen ist es extrem wichtig, dass der/die Logopäde/in gut über zweisprachige/ mehrsprachige Sprachentwicklung informiert ist.

 

Mythos 3: Das Mischen von Sprachen ist ein Zeichen, dass das Kind keine Sprache richtig beherrscht.

Fakt: Eine Mischsprache ist etwas, das viele Eltern in zweisprachigen Familien fürchten, aber die neuesten Forschungen zeigen, dass wir uns nicht zu viele Sorgen machen sollten. Zweisprachige wechseln manchmal in einem Gespräch hin und her zwischen den Sprachen, und manchmal mischen sie die Sprachen in einem Satz oder sogar im selben Wort. Beide Situationen sind für Zweisprachige, sowohl Kinder als auch Erwachsene, sehr häufig und natürlich.

Die Forschung über das ‚code-switching‘ zeigt, dass zweisprachige Kinder, wie zweisprachige Erwachsene, häufig von einer Sprache in die andere wechseln, um bestimmte kommunikative Effekte zu erzielen. Zum Beispiel, wenn sie in der Sprache A sprechen, können sie auf die Sprache B wechseln, um etwas zu berichten, das jemand in der ursprünglichen Unterhaltung in der Sprache B gesagt hat. Oder manchmal wechseln sie die Sprache aufgrund des Themas von dem sie reden. Dies passiert häufig, wenn zweisprachige Kinder/Erwachsene mit ihresgleichen sprechen.

Wenn ein Kind Sprachen mischt, ist dies kein Zeichen dafür, dass es seine Sprachen durcheinander bringt. Die Forschung zeigt, dass ‚code-mixing‘ nicht zufällig passiert, sondern es gehorcht in der Regel einer bemerkenswert strengen Grammatik.

 

Mythos 4: Zwei Sprachen zu lernen ist für Kinder mit einer Sprachstörung (zu) schwierig und wenn wir eine Sprache weglassen (oder uns nur auf eine Sprache konzentrieren), wird das dem Kind helfen.

Fakt: Die Forschungsergebnisse bestätigen, dass durch die Zweisprachigkeit keine spezifischen Lernschwierigkeiten oder Sprachstörungen verursacht werden. Zweisprachigkeit verzögert weder, noch schadet sie der Sprachentwicklung eines Kindes.

Neuere Forschungen untersuchen Kinder mit Sprachschwierigkeiten, die mit mehr als einer Sprache aufwachsen. Der Vergleich zwischen zweisprachigen Kindern mit Sprachstörungen und einsprachigen Kindern mit ähnlichen Sprachstörungen zeigt, dass das Erlernen einer zusätzlichen Sprache keinen Unterschied oder keine zusätzliche Belastung für das Kind darstellt. Zweisprachige Kinder mit einer ‚spezifischen Sprachentwicklungsstörung‘, stehen zum Beispiel vor den gleichen Herausforderungen wie einsprachige Kinder mit der gleichen Sprachstörung, sie haben aber keine zusätzliche Belastung oder Schwierigkeiten. Die Forschung auf dem Gebiet der klinischen Linguistik zeigt, dass zweisprachige Kinder, die Schwierigkeiten in einer Sprache haben, auch mit der anderen Sprache kämpfen werden. Aber es ist wichtig zu bemerken, dass das Weglassen einer Sprache das Erlernen der anderen Sprachen für das Kind nicht leichter macht.

Es gibt keine Forschungen in die Richtung, dass es besser wäre, die Familiensprache nicht mehr zu verwenden, wie es z.B. bei Migrantenfamilien oft gehandhabt wird. Vielmehr hat sich gezeigt, dass Kinder, die als Basis ihre Muttersprache sprechen, eine zweite Sprache leichter lernen. Manchmal, wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind eine Sprachentwicklungsstörung hat, haben sie das Gefühl, sie sollten aufhören, ihre Muttersprache mit dem Kind zu sprechen. Wenn sie in einem fremden Land leben, könnten sie das Gefühl haben, dass ihr Kind nur die Sprache dieses Landes lernen sollte, und dass das Sprechen der Muttersprache keine Notwendigkeit in der Gemeinschaft hat. Andere Eltern aber fragen sich, ob sie ihre Muttersprache aufgeben sollten, selbst wenn sie die Sprache des Landes nicht flüssig sprechen, oder sie sich nicht wohl dabei fühlen.

Experten raten zur Vorsicht bei der Entscheidung, eine Sprache zu entfernen. Sich auf eine Sprache zu beschränken, obwohl das Kind vorher Zugang zu zwei Sprachen hatte, könnte zu emotionalen Schwierigkeiten führen. Es kann die Fähigkeit des Kindes zur und die Qualität der Kommunikation mit der Familie und der Gemeinschaft vermindern. Es könnte auch Auswirkungen auf die Identität des Kindes haben, weil die Sprache stark mit Emotionen und Zuneigung verbunden ist. Kinder, die ihre Muttersprache zu Hause nicht sprechen, haben ein Risiko, ihre Muttersprache nur unvollständig zu lernen und dies kann beeinflussen, wie gut das Kind eine zweite Sprache lernt, weil eine starke Muttersprache die Grundlage für das Erlernen einer zweiten Sprache ist.

 

Mythos 5: Junge Kinder saugen die Sprache wie ein Schwamm auf.

Fakt: Wir sind alle von Geburt an damit ausgestattet, eine Sprache zu erwerben, aber wir müssen sie immer noch von jemandem, das heißt, von den Mitgliedern der Gemeinschaft, in der wir leben, lernen. Obwohl es scheint, dass Kinder leichter Sprachen lernen als Erwachsene, sollten wir nicht die Bedeutung der sozialen Interaktion unterschätzen. Ein Kind, das vor einem TV-Bildschirm sitzt und Zeichentrickfilme in einer fremden Sprache anschaut, lernt diese Sprache nicht. Jedes Kind braucht regelmäßige, wertvolle Kontakte in beiden Sprachen, um zweisprachig zu werden. Es braucht eine umfassende und reichhaltige sprachliche Umgebung, wenn wir wollen, dass es alle Funktionen und Stile der Muttersprache oder Muttersprachen beherrscht.

 

Erfahren Sie mehr:

§  Harding-Esch Edith and Riley Philip (2003). The Bilingual Family. A handbook for parents. Cambridge University Press.

§  Grosjean François (2010). Bilingual: Life and Reality. Harvard University Press.

 

 

Zum Inhalt "Zwei- und Mehrsprachigkeit"

4. Myths and facts about bilingualism (part 1)

Welcome to our fourth appointment of Multilingualism matters!

In this article and in the following one, we are going to discuss some common beliefs concerning bilingualism (and multilingualism). During the past years, linguists have tested scientifically much of what we commonly believe about language learning. As we will see, some of our thoughts about bilingualism have turned out to be based on myths. These myths can be sometimes harmful because they can lead us on wrong paths, preventing us from making the most effective decisions for our families. In some countries, being bilingual is still considered as a deviation from the norm. Moreover, most prejudices come from applying a monolingual vision to the bilingual development. Today we are going to discuss five myths.

 

Myth 1: Learning two languages is more difficult than learning just one language.

Fact: Research on the cognitive aspects of bilingualism shows that children are perfectly able to learn two (or more) languages simultaneously, without particular cognitive difficulties. The human brain is perfectly capable of dealing with two or more languages right from birth. If children hear enough of both languages, and if they communicate with adults and peers, they will pick them up.

Many parents are concerned about their children learning more languages at the same time. These worries are probably due to how we, as adults, learn foreign languages. Anyone thinking about language development in a child, is amazed at how quickly language acquisition takes place. However, this is in contrast with the way adults learn a new language, which can be sometimes a painfully slow process that never produces complete fluency. Please have a look at the second article of this column: “Children are little geniuses” to find out more.

 

Myth 2: Bilingual children start talking later than monolinguals.

Fact: Some children are late talkers. This is true of children growing up with one, two or more languages. Usually children who learn two languages should begin talking at the same time as those who are learning just one. However, it can happen that some children start later. There is no need to worry. Language delay usually means that the child is unconsciously trying to make rules about how the languages work.

There is no evidence that this kind of delay has any long-term effects on the child’s speech. It is nonetheless important to observe, if there are problems with language development in every child, whether she is exposed to one language, two languages or more. If you are concerned about your child’s language development, it may be prudent to contact a speech therapist, but be sure that he or she has experience with bilingual and multilingual children. It can be sometimes difficult to distinguish between a normal delay, and a language problem for experts, too. Therefore, it is extremely important that the speech therapist is well informed about bilingual / multilingual language development.

 

Myth 3: Mixing both languages is a sign that the child has not mastered either language.

Fact: A mixed language is something that many parents in bilingual families typically fear, but recent research shows that we shouldn’t worry too much. Bilinguals sometimes switch back and forth between languages within a conversation, and sometimes they mix languages in the same sentence, or even in the same word. These situations are very common and natural for bilingual speakers, child or adult.

Research on ‘code-switching’ shows that bilingual children, like bilingual adults, often switch from one language to another in order to achieve particular communicative effects. For example, even if they are talking in language A, they may switch to Language B to report something that somebody said, if the speech they are reporting was originally in language B. Or they may switch because of the topic they are talking about. This kind of code-switching takes place most often when talking to other bilinguals.  Furthermore, when a child is mixing languages, this is not considered a sign that she is confused with her language. Research shows that code-mixing is not random, but generally obeys a remarkably strict grammar.

 

Myth 4: Learning two languages is more (or too) difficult for children with a language disorder, and if we remove (or concentrate on) one language, this will help the child.

Fact: Research evidence confirms that, no specific learning difficulties or language disorders are caused by bilingualism. Bilingualism neither delays nor harms a child’s language development.

New research is emerging about children with a variety of language difficulties, who are exposed to more than one language. The comparison between bilingual children with language impairments, and monolingual children with similar language impairments, shows that the addition of an extra language doesn’t cause any differences or extra burden for the child. Bilingual children with ‘specific language disorder’, for example, face the same challenges as monolingual children with the same disorder, but not any extra problem or difficulties. Research in the field of clinical linguistics shows that if a child has difficulty in one language, she will struggle with the other, too. But, it is important to notice that removing one language will not make learning the remaining language easier for the child.

The attitude of leaving out the home language, for example, in immigrant families,  is not supported by research. Rather, a strong basis in a child’s home language has been found to help a child learn a second language. Sometimes, when parents find out that their child has a language delay, they feel they should stop speaking their home language to her. If they live in a foreign country, they might feel that their child has to learn the language spoken in that country, and that their home language is not a necessity in the community. Other parents, however, wonder if they should stop speaking their home language, even if they are not fluent or comfortable in the majority language themselves.

Experts advise that, one needs to be very carefully when deciding to remove a language. Limiting the communication to only one language, whereas before the child had access to two languages, could lead to emotional difficulties. It can reduce the child’s capacity and quality of communication with the family and the community. It could also impact the child’s sense of identity, as language is strongly linked to emotion and affection. Children who don't speak their first language at home, are at risk for incomplete learning, and this can affect how well they learn a second language. Indeed, a strong knowledge in the home language works as a foundation for second language learning.

 

Myth 5: Young children soak up languages like sponges.

Fact: At birth, we are all well equipped to acquire a language, but we still have to learn it from someone, that is, from the members of the community in which we live. Although children seem to have an easier time learning languages than adults, we should not underestimate the importance of social interaction. A child sitting in front of a TV screen, and watching cartoons in a foreign language, will not learn that language. Every child needs constant, rich exposure to both languages in order to become bilingual. She needs a rich linguistic environment, if we want her to master the full range of functions and styles of her mother tongue/s.

 

Find out more:

§  Harding-Esch Edith and Riley Philip (2003). The Bilingual Family. A handbook for parents. Cambridge University Press.

§  Grosjean François (2010). Bilingual: Life and Reality. Harvard University Press.

 

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