Deutsch

1. Ein weiterlebender Konflikt

Von Dr. Hellwig Valentin

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Kronland Kärnten von den Nationalitätenkonflikten erfasst, die zunehmend den habsburgischen Vielvölkerstaat erschütterten. Während die Slowenen nach politischer, wirtschaftlicher und sozialer Emanzipation strebten, verteidigten die Deutschen ihre Vorherrschaft. Gesellschaftlicher Aufstieg war vielfach an die Übernahme der deutschen Sprache und Kultur gebunden. In den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende spitzten sich die Gegensätze zu. Vehement forderten die Sprecher der Volksgruppe die slowenische Gerichtssprache, was von den „deutschen Parteien“ – zu diesen zählten auch die Sozialdemokraten – entschieden abgelehnt wurde. Als im Jahre 1909 junge Slowenen am Klagenfurter Hauptbahnhof in ihrer Muttersprache die Fahrkarten verlangten, sah die Gegenseite darin einen Versuch, die „deutsche“ Landeshauptstadt zu „slowenisieren“. Während des Ersten Weltkrieges verschärften sich die Gegensätze, zumal die Slowenen generell verdächtigt wurden, mit den slawischen Kriegsgegnern der Monarchie zu sympathisieren. Harte Unterdrückungsmaßnahmen der Behörden waren die Folge. So war es nicht überraschend, dass die südslawische Bewegung unter den Kärntner Slowenen an Boden gewann.

Nach 1918 lebten die Nationalitätenkonflikte der Donaumonarchie in Kärnten in einer Art Mikrokosmos weiter. Zu einer nachhaltigen Belastung des Zusammenlebens entwickelte sich der Streit um die Staatsgrenze, der im Herbst 1918 zwischen Österreich und Südslawien ausbrach. Belgrad beanspruchte das gemischtsprachige Kärnten für sich, Wien beharrte auf der historischen Landesgrenze. Die daraus resultierenden Abwehrkämpfe gegen die in Kärnten eingedrungenen Südslawen in den Jahren 1918/19 und der österreichische Sieg bei der Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der südlichen Landesteile am 10. Oktober 1920 gelten bis heute als gewichtige Themen der Kärntner Zeitgeschichte. Die Haltung des einzelnen gegenüber diesen Vorgängen ist für eine breite Öffentlichkeit der Gradmesser für Verlässlichkeit und „Heimattreue“. Wer etwa die militärische Wirkung des Abwehrkampfes in Zweifel zieht und andere Ursachen höher einschätzt, muß mit Zurechtweisung rechnen. Dabei besteht in der Fachwelt Einigkeit darüber, dass die Zuerkennung der Volksabstimmung durch die Siegermächte des Weltkrieges auf einer Wechselwirkung von Kampf und Diplomatie beruhte.

Besonders hartnäckig hält sich die Mär von dem während dieser sogenannten „Sturmjahre“ von Wien im Stich gelassenen Kärntnerland. Indessen stimmen österreichische und slowenische Historiker in seltener Einigkeit darin überein, dass ohne politisch-diplomatische, militärische und wirtschaftliche Unterstützung Wiens der Abwehrkampf nicht zu organisieren gewesen wäre. Auch die Entscheidung für den Verbleib bei Österreich hätte ohne diese Hilfe nicht herbeigeführt werden können. Bis in die Gegenwart wird verbreitet, dass Staatskanzler Karl Renner bereit gewesen wäre, die Draugrenze zu akzeptieren, obwohl diese Behauptung längst als Legende entlarvt wurde. In der Fachwelt zweifelt man nicht daran, dass am 10. Oktober 1920 etwa jede zweite Stimme für Österreich von einem Kärntner slowenischer Muttersprache abgegeben worden ist. In den öffentlichen Diskussionen wird diesem Faktum kaum Beachtung geschenkt. Offenbar wollen viele den österreichischen Abstimmungssieg nicht als einen gemeinsamen Erfolg deutsch- und slowenischsprachiger Landsleute akzeptieren. Das stereotype Bild vom Sieg der „treuen“ Deutschen über die „unverlässlichen“ Slowenen sollte ungetrübt bleiben. Die für Österreich votierenden Slowenen fanden sich später in einer eigenen politischen Kategorie wieder: den sogenannten „Windischen“ – im Gegensatz zu den „nationalen“ Slowenen. Daß die Wissenschaft längst überzeugend geklärt hat, dass es ein „windisches“ Volkstum – und eine darauf aufbauende politische Zuordnung – gar nicht gibt, wird vielfach ignoriert. Allgemein akzeptiert ist indessen „Windisch“ als linguistischer Sammelbegriff für die Dialektformen der Kärntner Slowenen.

In Kärnten kann man das Phänomen beobachten, dass nicht wenige Menschen, wenn sie  zwischen Tatsachen und Legenden die Wahl haben, der Legende den Vorzug geben. Sosehr sich Historikerinnen und Historiker bei jeder Gelegenheit bemühen, die gesicherten Fakten darzustellen, sowenig scheint dies angenommen zu werden. Darüber hinaus nützen Landespolitiker diese Defizite in der geschichtlichen Wahrnehmung weidlich aus, um tagespolitische Punkte zu sammeln. Wenn es darum geht, die angebliche Vernachlässigung von Kärntner Anliegen durch die Bundesregierung aufzuzeigen, wird gerne auf die vorgebliche „Ignoranz“ der Wiener Zentrale in der Zeit von 1918 bis 1920 verwiesen. In der Volksgruppenfrage gehört es zum Standardrepertoire führender Akteure, die entscheidende Mitwirkung der slowenischsprechenden Kärntnerinnen und Kärntner am österreichischen Volksabstimmungssieg in Frage zu stellen, um jeder moralischen Verpflichtung einer – wenngleich verspäteten – Dankabstattung an die Minderheit auszuweichen.

 

2. Außergewöhnliche Kräfteverteilung