Deutsch

2. Außergewöhnliche Kräfteverteilung

Von Dr. Hellwig Valentin 

Ein Sonderfall ist die – gegenüber anderen Bundesländern – außergewöhnliche Kräfteverteilung zwischen den politischen Lagern in Kärnten. Die Sozialdemokratie verfügte in Kärnten bereits um das Jahr 1900 über eine Stärke wie sonst nur in den böhmisch-mährischen Industriegebieten. Bei den Wahlen in die österreichische Nationalversammlung 1919 erreichten die Sozialdemokraten mehr als 49 Prozent der Stimmen. Sie waren mit Abstand die stärkste Partei. Die verschiedenen deutschnationalen Gruppierungen stellten das zweitstärkste Lager mit zusammen bis zu 40 Prozent. Die katholisch-konservativen Gruppierungen schwankten in der Zwischenkriegszeit etwa zwischen 12 und 18 Prozent der Stimmen. Die Christlichsozialen waren in Kärnten zu dieser Zeit sogar schwächer als ihre Schwesterpartei im „roten Wien“. Dafür gibt es geistesgeschichtliche und sozial-wirtschaftliche Ursachen:Die katholische Gegenreformation in dem fast vollständig evangelischen Land wirkte lange nach. Nur widerwillig kehrten die meisten Bewohner zum „alten“ Glauben zurück. Diese geistige Zwangsmaßnahme hatte zur Folge, dass eine gewisse Distanz gegenüber Religion und Kirche fortbestand. Davon profitierten die sozialdemokratischen und deutschnationalen Richtungen auf Kosten der katholisch-konservativen Parteien. Dazu kam, dass Kärnten traditionell ein Land der Kleinbauern war. Die kleinen Höfe verfügten über eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Knechten und Mägden. Dieses ländliche Proletariat bildete die politische Basis der Sozialdemokratie. Klassische Arbeiter gab es in dem industriearmen Land nur wenige, nachdem Ende des 19. Jahrhunderts die einst bedeutende Montanindustrie aus wirtschaftlichen Gründen großteils aufgegeben werden musste. Die frei werdenden Bergarbeiter fluteten zurück in die Dörfer und verstärkten das Heer der Landarbeiter – und damit den Zulauf zur Sozialdemokratie. Alle diese Gegebenheiten gingen zu Lasten des katholisch-konservativen Lagers, das sich rund um die Pfarrhöfe sammelte. Die Christlichsozialen stützten sich auf  den schwach ausgeprägten großbäuerlichen Bereich, sofern dieser nicht den Deutschnationalen zuneigte.

 

3. Die „deutsche" Sozialdemokratie