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5. Der erste NS-Gau

Von Dr. Hellwig Valentin 

Die Kärntner Nationalsozialisten meldeten in den Umbruchtagen im März 1938 als erste die vollzogene Machtübernahme nach Wien. Kärnten galt somit als „erster Gau“ auf dem Boden des okkupierten Österreich. Rasch etablierte sich das NS-Regime auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die Verfolgungsmaschinerie erfaßte alle Personen, die den NS-Vorstellungen in politischer, religiöser oder „rassischer“ Hinsicht entgegenstanden. Rund 2700 Opfer der NS-Verfolgung wurden bislang in Kärnten namentlich erforscht. Die NS-Repression machte auch vor der Kunst nicht halt. Die im modernen Stil von Anton Kolig gestalteten Fresken im Kärntner Landhaus wurden abgeschlagen und erst 1999 vom Enkel des Künstlers Cornelius erneuert – wobei dieser späten „Wiedergutmachung“ eine heftige kulturpolitische Diskussion voranging, die besonders von der Kärntner FPÖ angefacht wurde. Ähnliche Konfrontationen gab es in den 1950er-Jahren um die von Giselbert Hoke gestalteten Fresken am Klagenfurter Hauptbahnhof. Der Künstler sah sich darauf zum zeitweiligen Verlassen des Landes gezwungen. Wenngleich die moderne Kunst Kärntens im 20. Jahrhundert eine beachtliche europäische Prägung aufwies, traten dennoch immer wieder verengte Sichtweisen zutage.

Zum „Sonderfall“ der NS-Unterdrückungspolitik wurde Kärnten wegen des Vorhandenseins der slowenischen Volksgruppe. „Macht dieses Land deutsch!“ lautete der Auftrag der NS-Führung in Berlin an die nationalsozialistischen Behörden in Kärnten. Zunächst war daran gedacht, sämtliche Kärntner Slowenen – insgesamt rund 50.000 Personen – in die von der Deutschen Wehrmacht eroberten Ostgebiete umzusiedeln. Im April 1942 wurden rund 1000 Angehörige slowenischer Familien in Zwischenlager nach Deutschland gebracht. Dann verschoben die NS-Behörden die Fortsetzung der Aktion auf die Zeit nach dem Krieg, freilich nicht aus humanitären Gründen, sondern auf Grund kriegswirtschaftlicher Überlegungen. Die Aussiedlung der Kärntner Slowenen hatte ein Erstarken der Partisanenbewegung in Kärnten zur Folge, da viele Angehörige der Volksgruppe den „Weg in den Wald“, wie es hieß, einer drohenden Deportation vorzogen.

Der Kärntner Partisanenkampf in Verbindung mit dem gesamtjugoslawischen Widerstand gegen die NS-Herrschaft begann Mitte 1942 und forderte hunderte Todesopfer auf beiden Seiten. Trotz harter Repressionsmaßnahmen – Ende April 1943 wurden in Klagenfurt 13 Kärntner Slowenen zum Tode verurteilt und in Wien hingerichtet – konnten die Untergrundkämpfer nicht vernichtet werden. Das Deutsche Reich musste Truppen in Divisionsstärke einsetzen, um die Aufstandsbewegung einzudämmen. Der Kampf der Partisanen hatte militärische, politische und territoriale Zielsetzungen. Zunächst sollte die NS-Herrschaft mit militärischen Mitteln beseitigt werden. Dann ging es um die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft in einem neuen Jugoslawien. Schließlich wurde die staatliche Vereinigung aller Slowenen angestrebt, was den Anschluß von Teilen Südkärntens an Jugoslawien bedeutete. Diese Zielsetzungen sind als Gesamtkomplex zu sehen, wenngleich immer wieder versucht wird, einen bestimmten Teilaspekt herauszunehmen – je nach Opportunität. Tatsache ist, dass der Partisanenkampf in Kärnten der einzige kontinuierliche, organisierte und bewaffnete Widerstand gegen das NS-Regime auf dem Gebiet des heutigen Österreich gewesen ist. Nach dem Krieg konnte man von österreichischer Seite darauf hinweisen, dass damit das Land im Sinne der Moskauer Deklaration von 1943 einen eigenen Beitrag zur Befreiung vom NS-Regime geleistet habe. Die NS-Hochburg Kärnten war somit zugleich Schauplatz des erbittertsten Widerstandes gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.

6. Eigenartiger Machtwechsel