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8. Ein ungewöhnliches Attentat

Von Dr. Hellwig Valentin 

Im Jahre 1987 verübte ein ehemaliger Mitschüler ein Schußattentat auf Landeshauptmann Wagner, der dabei schwer verletzt wurde. Der Attentäter,  ein kulturell engagierter Hauptschullehrer aus Ferlach, gehörte dem Sozialistischen Lehrerverein an, galt jedoch als eigenwillig und unangepasst. Wegen angeblicher beruflicher Zurücksetzungen hatte sich der Pädagoge an seinen Schulfreund Wagner gewandt, ohne das erwartete Gehör zu finden. Als der Versuch mißglückte, sich am Rande eines Klassentreffens in Klagenfurt auszusprechen, feuerte er aus einem mitgebrachten Revolver auf den Landeshauptmann. Ein Geschworenengericht in Klagenfurt hatte offenbar Verständnis für die Motive des Attentäters und sprach den Angeklagten überraschend frei. Der Gerichtsvorsitzende hob das Urteil wegen „offensichtlichen Irrtums der Geschworenen“ auf, eine neue Verhandlung in Innsbruck führte zu einem Schuldspruch.

In der öffentlichen Meinungsbildung geriet der im Prozessverfahren zurückhaltend agierende Attentäter immer mehr in die Rolle des Opfers, der vor Gericht machtbewusst auftretende Landeshauptmann erschien als der eigentlich Verantwortliche. Dieser weitverbreiteten Grundstimmung gaben die Geschworenen in ihrem Urteil beim Prozeß in Klagenfurt Ausdruck, wenngleich das Urteil juristisch nicht haltbar war. Resigniert legte Wagner im Jahre 1988 sein Amt zurück, die Abdankungsgründe mögen vielschichtig gewesen sein. Die öffentlichen Diskussionen rund um das Attentat rückten Themen wie die Frage der Postenbesetzung im öffentlichen Dienst („Parteibuchwirtschaft“) und die Art der Machtausübung durch die politische Elite in den Vordergrund. Dies sollte sich zu Lasten der SPÖ als der einflussreichsten politischen Kraft im Lande auswirken.

Dieses erste Attentat auf einen österreichischen Landeshauptmann spielte sich vor dem Hintergrund des sich verschärfenden landespolitischen Klimas ab. Der stete Aufstieg Haiders, der mit seiner Art der Politik zu punkten verstand, machte vor allem die SPÖ nervös, die um ihre absolute Mehrheit bangte. Wagner verschärfte die Gangart gegen die politischen Gegner und alle jene, die seiner Politik kritisch gegenüberstanden – auch in der eigenen Partei. Als der Parteiobmann einen aufmüpfigen Villacher SPÖ-Mandatar  öffentlich als „seelisch krank“ abqualifizierte und aus der Partei drängte, eröffnete dies eine bedenkliche Sicht auf das Innenleben der Kärntner Sozialdemokratie. Offenbar wollte die Kärntner Partei nach ähnlichen Vorgängen in anderen Bundesländern – wobei der SPÖ-Ausschluß des bekannten Publizisten Günther Nenning der spektakulärste Fall war – einen eigenen Beitrag zur Disziplinierung unliebsamer Kritiker leisten. Je mehr die Forderung laut wurde, politische Interventionen auf ein vertretbares Maß zurückzunehmen, umso mehr brachte Wagner seine Autorität zur Geltung. Die daraus resultierenden Konflikte fanden in dem Attentat auf den Landeshauptmann eine dramatische Zuspitzung. Die von Bruno Kreisky betriebene Öffnung der Partei wurde von den Kärntner Sozialdemokraten kaum mitvollzogen. Als die Redaktion der SPÖ-nahen „Kärntner Tageszeitung“, die um eine offenere Berichterstattung bemüht war, gegen nachdrückliche Eingriffe Wagners protestierte, reagierte der Landeshauptmann verärgert.

9. Vorzeitige Abschiede