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5. Mythen und Fakten über Zweisprachigkeit (Teil 2)

Willkommen zum fünften Termin der Multilingualism matters!

Letztes Mal haben wir über fünf Mythen der zweisprachigen Entwicklung von Kindern diskutiert. Wir haben verstanden, dass Zweisprachigkeit kein weiteres Hindernis bei Sprachstörungen ist, und dass die Kinder häufig soziale Interaktionen mit beiden Sprachen brauchen. Dieses Mal werden wir versuchen, andere Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, um mehr über dieses faszinierende Thema zu erfahren.


Mythos 6: Zweisprachige sind wie zwei Einsprachige in einer Person.

Fakt: Der Sprachgebrauch zweisprachiger Menschen ist vom Umfeld abhängig, und ein zweisprachiges Profil kann sich im Laufe der Zeit ständig ändern, weil Zweisprachigkeit nicht statisch ist, sondern dynamisch. Wir sollten Zweisprachigkeit als ein komplexes psychologisches und sozio-kulturelles sprachliches Verhalten, das viele Dimensionen hat, betrachten. Wenn wir daran denken, wie und wann Zweisprachige (und Mehrsprachige) ihre Sprachen nutzen, werden wir herausfinden, dass sie sie in verschiedenen Kontexten verwenden. Und aus diesem Grund können wir unterschiedliche Sprachniveau-Kenntnisse erwarten. Daher sind Zweisprachige NICHT wie zwei Einsprachige in einer Person.

Wie wir im ersten Artikel dieser Kolumne bereits lesen konnten, gibt es viele Definitionen von Zweisprachigkeit, aber einige von ihnen scheinen einen sehr idealisierten Blick auf Zweisprachigkeit zu geben: Z.B. ist ein/e Zweisprachige/r jemand, der zwei Sprachen perfekt beherrscht. Allerdings wurden einige Unterschiede zwischen zwei- und einsprachigen Kindern in verschiedenen Studien beobachtet. Junge zweisprachige Kinder haben einen kleinen Wortschatz in einer oder beiden Sprachen im Vergleich zu einsprachigen Kindern. Das ist zu erwarten, weil zweisprachige Kinder dazu neigen, ihre Sprachen in unterschiedlichen Kontexten zu lernen und das Vokabular, das sie in jeder Sprache erwerben, spiegelt das Umfeld wider, in dem diese Sprache erworben und angewendet wird. Die kleinen Unterschiede, die zweisprachige von einsprachigen Kinder unterscheiden, sind im Vergleich zu den Vorteilen, die zweisprachige Kinder haben, trivial.


Mythos 7: Das Kind muss zuerst eine Sprache gut lernen, und dann kann es eine zweite lernen.

Fakt: Zahlreiche Studien der letzten dreißig Jahre zeigen, dass der Zweitspracherwerb einfacher und schneller passiert, wenn er von Geburt an oder zumindest in der Kindheit stattfindet. Kinder sind in der Lage, mehr als eine Sprache zu erwerben, wenn sie das Bedürfnis spüren, in dieser Sprache zu kommunizieren.

Wie wir im zweiten Artikel dieser Kolumne gesehen haben, sind eine quantitativ und qualitativ hochwertige sprachliche Umgebung und Interaktion die wichtigsten Anforderungen. Das bedeutet, das Kind soll ein reichhaltiges Angebot an Sprachmaterial bekommen, und die Gelegenheit haben, mit jemandem in der Zielsprache zu interagieren. Es besteht keine Notwendigkeit zu warten bis das Kind älter wird. Allerdings muss jede Familie bei der Entscheidung, eine neue Sprache einzuführen, auf ihre spezifischen Ziele und Bedürfnisse achten.


Mythos 8: Einige Sprachen sind es nicht wert, sie zu lernen. Ich würde mich eher auf eine nützliche Sprache konzentrieren.

Fakt: Zweisprachigkeit gibt sowohl Kindern als auch Erwachsene einige Vorteile. Diese Vorteile sind da, egal welche Sprache wir sprechen. Wie wir im dritten Artikel gesehen haben, helfen uns verschiedene konkurrierende Sprachsysteme in unserem Gehirn, mehr geistige Flexibilität zu entwickeln. Unserem Gehirn ist es aber egal, welche Sprachen wir sprechen! Die regelmäßige Verwendung von Sprachen, und der ständige Wechsel von einer Sprache in die andere macht den Unterschied. Daher lohnt es sich, jede Sprache zu lernen!

Manchmal vernachlässigen Migrantenfamilien die Muttersprache und versuchen, mit ihrem Kind nur die Sprache der Mehrheit zu reden. Sie glauben, dass es dem Kind helfen wird, sich besser in die Gemeinschaft zu integrieren, und die Hauptsprache schneller zu lernen. Allerdings könnte das Weglassen einer Sprache beim Kind zu emotionalen Problemen führen. Zweisprachigkeit in Migrantenfamilien sollte als eine Ressource gesehen werden, sie sollte auf allen Ebenen und in verschiedenen Situationen angenommen und gefördert werden. So könnte, beispielsweise, die Förderung der Zweisprachigkeit im schulischen Umfeld eine wertvolle Gelegenheit sein, die Zweisprachigkeit bei Kindern zu fördern.


Mythos 9: Die Eltern müssen in mehr als einer Sprache fließend sein, wenn sie zweisprachige Kinder erziehen. Und diejenigen, die eine Sprache nicht perfekt beherrschen, geben Fehler und Akzent an ihre Kinder weiter.

Fakt: Zweisprachigkeit hat viele verschiedene Gesichter. Wenn das Kind in einer sprachlich reichhaltigen Umgebung lebt, wird es eine, zwei oder mehrere Sprachen lernen. Wenn die Eltern einsprachig sind, kann ihr Kind immer noch zweisprachig aufwachsen, zum Beispiel wenn die Familie in einem anderen Land wohnt, oder wenn das Kind eine Schule besucht, wo eine andere Sprache gesprochen wird.

Allerdings, wenn Sie in einem einsprachigen Kontext leben, und Ihr Kind zweisprachig erziehen wollen, sollten Sie einige Regeln beachten. Egal, wie viele Sprachen Sie sprechen, Sie fühlen sich wahrscheinlich mit einer Sprache wohler als mit der anderen, und Sie könnten sich fragen, welche Sprache Sie mit Ihrem Kind zu Hause sprechen sollten. Der beste Rat ist, dass jeder Elternteil mit seinen Kindern die Sprache sprechen sollte, die er oder sie fließend spricht, und mit der er oder sie sich am wohlsten fühlt. Wenn Sie eine Sprache fließend sprechen, ist Ihr Kind mit einem viel größeren Teilwortschatz und Grammatik konfrontiert.

Wenn Sie nicht den Vorteil haben, in einem anderen Land zu leben, in dem Sie von einer zweiten Sprache umgeben sind, können Sie eine Sprache zusammen mit den Kindern lernen. Es gibt viele Aktivitäten und Ressourcen, die man nutzen kann, und die den Eltern die Möglichkeit geben, Vorbild als Sprachlernende zu sein. Allerdings wäre es wichtig, dass das Kind die Notwendigkeit für diese Sprache spürt, und dass es sie auch mit anderen Menschen hören und sprechen kann - zum Beispiel in einer Spielgruppe - kann.

Mythos 10: Es gibt nur einen richtigen Weg, um ein zweisprachiges Kind zu erziehen.

Fakt: Weil es Zweisprachigkeit überall gibt und diese viele Dimensionen hat, gibt es viele Möglichkeiten, um zweisprachige Kinder zu erziehen. Natürlich gibt es verschiedene Wege zur Zweisprachigkeit. Der häufigste Weg könnte die sogenannte OPOL Methode sein: One-Person-One-Language. Dies bedeutet, dass jeder Elternteil mit dem Kind nur in einer Sprache konsequent spricht. Zum Beispiel, der Vater spricht seine Muttersprache Französisch während seine Frau Niederländisch spricht.

Wenn einsprachige Eltern in einem fremden Land leben, können Sie die Methode One-Language-One-Location oder Minority Language at Home benutzen: Das bedeutet, dass jeder die Minderheitensprache zu Hause und die andere Sprache in anderen Zusammenhängen spricht. Allerdings könnten die Eltern sich Sorgen machen, wenn das Kind die Gemeinschaftssprache nicht auf dem gleichen Niveau der Altersgenossen spricht. In diesem Fall ist es schwierig, sich keine Sorgen zu machen. Daher möchten Eltern sicherstellen, dass das Kind genug Input der beiden Sprachen durch die Teilnahme an Nachmittagsaktivitäten oder durch das Verstärken von Sprachkontakten mit der örtlichen Gemeinde, erhält.

Die Erziehung mehrsprachiger Kinder ist ein flexibler und sehr persönlicher Prozess und jeder sollte herausfinden, welche Methode für die Bedürfnisse seiner eigenen Familie am besten geeignet ist.

Im nächsten Artikel werden wir praktische Tipps besprechen, wie man einem Kind mit mehr als einer Sprache helfen kann. Wir werden aber auch über unterschiedliche Methoden diskutieren, wie man in einer anderen sprachlichen Umgebung, Minderheitensprachen fördern kann.


Erfahren Sie mehr:

Interview mit Francois Grosjean, emeritierter Professor an der Universität Neuchâtel, in der Schweiz - hier.

Interview mit Professor Antonella Sorace, eine Expertin für Zweisprachigkeit, die an der Universität von Edinburgh arbeitet - hier

 

 

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