Deutsch

Xi Yang

Mein Erstes Jahr in Villach (Kärnten)

Xi Yang

Heimat: Shanghai, China

Beruf: Wissenschaftliche Mitarbeiterin, aktuell: Doktorandin und Selbstständig

Alter: 31

Start: 2019

Hobbys: Meditation, Yoga, Kochen und Wandern

 

Gestern ging mein Sohn auf der Straße im Villacher Stadtzentrum vor einem Restaurant, Plötzlich sah er einen Eis Shop. Er starrte das Eis mit blitzenden Augen an, wie die meisten Kinder, die drei Jahre alt sind. Ich entschuldigte mich sofort bei der Kellnerin, da mein Portemonnaie noch bei dem Restaurant war, wo wir gerade gegessen hatten. Ich wollte meinen Kleinen wegziehen. Die Kellnerin lächelte und sagte „Welches Kind könnte NEIN zu Eis sagen? Komm! Wähle einen Geschmack“. Ich konnte meinen Ohren nicht glauben. Was? Wirklich? Eine kostenlose Kugel Eis? Schlussendlich hatte mein Sohn eine Schokoladeeis Kugel in der Hand. Er sah so glücklich aus und sagte „Danke“ zu der Kellnerin auf Deutsch. Sie schaute ihn an und genoss auch den Moment.

 

Meine Schwiegermutter konnte nichts verstehen, aber sie wusste, was passiert war. „Es ist doch wie in meiner Kindheit. Damals war die Gesellschaft auch so einfach wie hier. Wenn Kinder Glück haben, kriegen sie ein Eis umsonst“, kommentierte sie. Für mich war es kaum zu glauben. Meine Kindheit war fast 30 Jahre später als die meiner Schwiegermutter. Die Gesellschaft hatte sich bereits geändert. Ich bin in Shanghai geboren und habe dort für 20 Jahre gelebt. Dann studierte ich weiter in Deutschland, danach habe in den letzten Jahren in Rotterdam, Den Haag, Stuttgart, Mannheim und Hamburg gewohnt.

 

Letztes Jahr zog ich wegen meines Manns nach Villach um. Die Stadt befindet sich im Bundesland Kärnten, an der Grenze zu Italien und Slowenien. Bevor ich hierherkam, sagten meine deutsche Freunden: Österreich sei nicht Deutschland, obwohl wir die gleiche Sprache sprechen. Die Menschen dort seien eher konservativ. Nun ist fast ein Jahr vorbei. Ich habe etwas anderes gespürt. Klar, man hat das Gefühl, dass die Menschen hier konservativer sind. Beinahe nach jedem Kilometer sieht man einen Altar von Jesus in den Gemeinden. Sowas habe ich nie in irgendwelcher Stadt, wo ich gelebt hatte, gesehen. Dennoch ist hier auch eine kleine Stadt.  In jeder dritten Person hat man einen gemeinsamen Bekannten oder eine gemeinsame Bekannte. Ich spüre, dass die Verbindung zwischen Menschen hier eine wichtigere Rolle als in großen Städten spielt. Die Einheimischen sind offen gegenüber Ausländern bzw. anderen Kulturen. Es gibt japanische Garten in der Nähe, wo man japanische Küche lernen kann. Es gibt viele kreative Veranstaltungen, die vom CIC (Carinthia International Center) organisiert sind. Es gibt auch Mentoring Programme, mit dem Ziel, die Migranten zu unterstützen, damit sie so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt eintreten können. Aber was sehr beindruckend für mich ist, ist der Zusammenhalt der Menschen, die ehrliche Einstellung zum Leben sowie ein höheres spirituelles Streben.

 

In diesen zehn Monaten habe ich viel erfahren. Vor allem auch durch die Corona Krise. Nach der Rückkehr aus Shanghai im Jänner, nahmen wir freiwillig Heimquarantäne. Unsere Nachbarn boten sich gleich ungefragt an, die Lebensmittel für uns zu besorgen. Villach ist eine kleine Stadt, aber ganz fein. Hier gibt es noch viel zu entdecken.